Großeuropa von Lissabon bis Wladiwostok: Herausforderungen und Perspektiven eines gemeinsamen Wirtschaftsraums

_ Dmitry Erokhin, Research Assistant, International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA). Wien, 29. Januar 2020. Verschriftlichter AIES-KFIBS-KAS-Tagungsbeitrag 2019.

In diesem Beitrag soll die Geschichte der Idee einer Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok – genauer gesagt: die Schaffung einer Freihandelszone zwischen der Europäischen Union (EU) und der Eurasischen Wirtschaftsunion (bzw. Russland in früheren Versionen dieser Idee) – untersucht werden. Der gegenwärtige Stand der Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen Russland und der EU wird analysiert. Es wird außerdem ein Literaturüberblick über die Vorteile der Errichtung einer Freihandelszone zwischen der EU und Russland (oder der Eurasischen Wirtschaftsunion [EAWU]) gegeben. Darüber hinaus werden konkrete Schritte für eine mögliche Stärkung der Zusammenarbeit zwischen den Unionen skizziert. Ferner werden die Integrationshemmnisse ausführlich erörtert, ebenso wie die Herausforderungen innerhalb der EAWU.

Das Konzept des „Größeren Europas“


Das Konzept des sogenannten Größeren Europas, das die Annäherung und Integration Russlands und der europäischen Länder umfasst, ist nicht neu. Der französische Präsident Charles de Gaulle sprach sich 1959 in einer berühmten Rede für ein Bündnis vom Atlantik bis zum Ural aus, das „über das Schicksal der Welt entscheiden wird“ (Le voyage présidentiel en Alsace, 1959). Sechsundzwanzig Jahre später nannte der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), Michail Gorbatschow, Europa das „gemeinsame Haus“ (The visit of the General Secretary of the CPSU Central Committee, Mikhail Gorbachev, to France, 1985).

1994 wurde das Partnerschafts- und Kooperationsabkommen zwischen der EU und Russland unterzeichnet. Eines seiner Hauptziele war die Schaffung der notwendigen Voraussetzungen für die künftige Errichtung einer Freihandelszone zwischen beiden Akteuren, die im Wesentlichen den gesamten Warenverkehr zwischen ihnen abdecken sollte und die Schaffung der Voraussetzungen für die Verwirklichung der Niederlassungsfreiheit sowie des grenzüberschreitenden Dienstleistungs- und Kapitalverkehrs (Agreement on partnership and cooperation establishing a partnership between the European Communities and their Member States, of one part, and the Russian Federation, of the other part, 1994). Im Jahr 2001 wurde mit Unterstützung des Präsidenten der Europäischen Kommission, Romano Prodi, eine Gruppe zur Entwicklung eines Projekts für einen gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraum einberufen (Joint Statement on the Energy Dialogue by President of the Russian Federation Vladimir Putin, President of the European Council Guy Verhofstadt, with the assistance of the Secretary General of the Council of the EU/High Representative for the Common Foreign and Security Policy Javier Solana and President of the European Commission Romano Prodi, 2001). Im selben Jahr erklärte der russische Präsident Wladimir Putin in einer wegweisenden Rede in Deutschland vor dem Bundestag die Bedeutung enger Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und der EU (Word protocol of Vladimir Putin’s speech in the German Bundestag, 2001). Es folgte die Verabschiedung der Roadmap für den gemeinsamen Wirtschaftsraum im Jahr 2005 (EU and Russia: A roadmap for the Common Economic Space [CES], 2005). Im Jahr 2010 schlug Putin in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung die Schaffung einer Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok vor (Putin, 2010). Diese Idee verfestigte sich immer mehr in seinem Kopf und griff Russlands Präsident später 2013 (Foreign Policy Concept of the Russian Federation, 2013) und 2016 in den Konzepten der Außenpolitik des Landes auf. Danach wurde die Bildung eines gemeinsamen wirtschaftlichen und humanitären Raums vom Atlantik bis zum Pazifik auf der Grundlage der Harmonisierung und Konjugation der europäischen und eurasischen Integration als strategische Aufgabe in den Beziehungen zur EU gesehen (Foreign Policy Concept of the Russian Federation, 2016).

Die politischen Krisen zwischen Russland und der EU schienen das Projekt für viele Jahre einzufrieren. Im Februar 2017 veröffentlichte das führende deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo jedoch einen Artikel, in dem es die Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok nicht nur für realisierbar, sondern auch für beide Seiten als vorteilhaft erachtete (Felbermayr, G., & Gröschl, J., 2017).

Am 21. Juni 2019 fand eine richtungsweisende Veranstaltung statt: Die Spitzenvertreter der Eurasischen Wirtschaftskommission und der Europäischen Kommission kamen zu einem ersten offiziellen Treffen in Moskau zusammen (Kofner, 2019). Die EU-Delegation wurde von Ignacio Garcia Bercero, dem Direktor in der Generaldirektion Handel (kurz: GD TRADE), der für die Nachbarländer zuständig ist, geleitet, und die Eurasische Wirtschaftskommission war durch Veronika Nikishina, Mitglied des EAWU-Vorstands und Handelsministerin, vertreten. Ziel des Treffens war es, den Dialog über die technischen Aspekte der Handelspolitik, der technischen Regulierung, der Zollgesetzgebung, der Digitalisierung sowie den Informationsaustausch über den Regulierungsrahmen von gegenseitigem Interesse zu fördern (Eurasian Economic Commission and European Commission are building technical dialogue, 2019).

Darüber hinaus veröffentlichte der französische Präsident Emmanuel Macron im Sommer 2019 nach einem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin einen Beitrag in russischer Sprache auf seiner Facebook-Seite. Darin hielt er fest, dass er Russland als ein zutiefst europäisches Land betrachte und an ein Europa glaube, das sich von Lissabon bis Wladiwostok erstrecke (Blogging on Facebook in Russian, Macron notes progress in ties with Moscow, 2019).

Handel zwischen Russland und der EU


Im Jahr 2018 erreichte der Außenhandelsumsatz Russlands mit den EU-Ländern 294,167 Billionen US-Dollar, was 42,7 Prozent des Gesamtwertes ausmacht. Damit ist die EU ein wichtiger Akteur, der im Vergleich zu anderen Blöcken weit vorne liegt: die APEC-Länder (31,0% des Außenhandelsumsatzes), die GUS-Staaten (11,7%) und die EAWU-Länder (8,1%). Landesweit sind Deutschland (8,7%), die Niederlande (6,9%), China (15,7%), Weißrussland (4,9%), Italien (3,9%), die USA (3,6%) und Südkorea (3,6%) die wichtigsten Handelspartner (On the state of foreign trade in 2018, 2019). Dies ist jedoch nicht mit den Zahlen für 2013 vergleichbar, als die Exporte und Importe zwischen Russland und der EU den Rekordwert von 417 Billionen US-Dollar erreichten (Foreign trade, n.d.).

Für die EU entfielen im Jahr 2018 6,4% des Gesamthandelsumsatzes auf Russland, hinter den USA (17,1%), China (15,4%) und der Schweiz (6,7%) (International trade in goods in 2018, 2019).

Die Europäische Union spielt eine wichtige Rolle im Bereich der ausländischen Direktinvestitionen in die Russische Föderation. So kamen beispielsweise im Jahr 2014 81 Prozent aller ausländischen Investitionen in Russland aus der EU (Direct investments in the Russian Federation from abroad by instrument and investor country in 2010-2014, 2014). Im selben Jahr exportierte Russland 74,4 Milliarden Euro an Direktinvestitionen in die EU (Top 10 countries as extra EU-28 partners for FDI positions, EU-28, end 2012–14 (billion EUR), 2017).

Dies deutet darauf hin, dass Russland und Europa einander brauchen und stützt das Argument, dass es die Möglichkeit und Notwendigkeit gibt, einen gemeinsamen Markt von Lissabon bis Wladiwostok zu schaffen.

Von Lissabon nach Wladiwostok? Eine Literaturübersicht


In der Regel ist der Freihandel nur ein Teil einer umfassenden wirtschaftlichen Zusammenarbeit, die den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Arbeit und Kapital einschließt.

Wichtige Schritte sind die Harmonisierung von Standards oder gar die gegenseitige Anerkennung von Zertifikaten und technischen Normen, die Steuerharmonisierung (Angleichung der indirekten Steuersätze), die Schaffung eines effektiven Rechtssystems (gegenseitige Anerkennung von Gerichtsentscheidungen, Kostensenkung und Beschleunigung von Gerichtsverfahren), die Stärkung des Wissenschafts- und Forschungsaustauschs sowie die Einführung der Visafreiheit.

Es gibt mehrere Studien, die diese Faktoren untersuchen und ihre Auswirkungen auf die russische und europäische Wirtschaft bewerten.

Titel Autor Jahr Mittelfristiges BIP-Wachstum

 

Russland    EU

Langfristiges BIP-Wachstum

 

Russland    EU

Langfristige Kapitalzuflüsse nach Russland Gesamt-produktions-wachstum in Russland
Modelling Economic, Social and Environmental Implications of a Free Trade Agreement between the European Union and the Russian Federation Elena Jarocinska; Maryla Maliszewska; Milan Scasny 2010 +0.55%         0% +2.24%   +0.5% +5.6% +3%
Titel

 

Autor Jahr Jährliches Wachstum des realen Pro-Kopf-Einkommens

Deutschland    Russland

Wachstum der russischen Exporte in die EU-Länder
Freihandel von Lissabon bis Wladiwostok

Wem nutzt, wem schadet ein eurasisches Freihandelsabkommen?

Gabriel Felbermayr; Jasmin Gröschl 2016 0.2%                 3%

91 Euro            235 Euro

71 Billionen Euro
Titel Autor Jahr Wachstum des realen BIP im post-sowje-tischen Raum Wachstum des realen BIP in der EU Wachstum der realen Exporte aus dem postsowje-tischen Raum Wachstum der realen Importe in den postsowje-tischen Raum Wachstum der realen Exporte aus der EU Wachs-tum der realen Importe in die EU
A Wider Europe: Trade Relations Between an Enlarged EU and the Russian Federation Lucio Vinhas de Souza 2004 0.2077% Positiv in allen Ländern (z.B. 0,0737% in Ungarn, 0,1757% in Polen, 0,034% in Finnland) 4.0536% 6.6184% Positiv in allen Ländern mit Ausnahme von Polen

(-0.0415%)

Positiv in allen Ländern
Titel Autor Jahr Wachstum der russischen Exporte Wachstum der russischen Importe Wachstum
der Industrieproduktion in Russland
The Economic Effects of a Russia-EU FTA Miriam Manchin 2004 In allen Branchen, zum Beispiel:

Textilwaren 112,11 %.

Bekleidung 148,32 %.

Lebensmittel 98,91%.

Autos 74,21%,

mit Ausnahme von

Gas -73,82% -73,82%.

Elektrizität -30,08%.

In allen Branchen mit Ausnahme von Öl und Kohle Fast in allen Branchen, zum Beispiel:

Gas 226,93%.

Kleidung 28,97%.

Titel Autor Jahr Wachstum des realen BIP

Russland      EU

Wachstum der realen Exporte aus

Russland       EU

Wachstum der realen Importe nach

Russland                  EU

Economic Effects of Free Trade between the EU and Russia Pekka Sulamaa 2005 1.297%         >0

 

4.23%              >0 10.3%                        >0

 

Titel Autor Jahr Wachstum des russischen BIP

2-3 Jahre     4-6 Jahre

Wachstum des EU-BIP

2-3 Jahre     4-6 Jahre

Possible Economic Outcomes of a Trade Agreement with the European Union Alexander Knobel; Bekhan Chokaev 2014 0.8%           2% 0.1%             0.2%

Eine der jüngsten Studien wurde im Frühjahr 2016 vom Ifo-Institut im Auftrag der Bertelsmann Stiftung in Deutschland durchgeführt. Erstmals wurde eine quantitative Bewertung der Freihandelszone zwischen der EU und der EAWU (Eurasische Wirtschaftsunion bestehend aus: Armenien, Weißrussland, Kasachstan, Kirgisistan, Russland) vorgelegt, wobei andere Länder, mit denen sowohl Russland als auch die EU Freihandelsabkommen unterhalten, und die Auswirkungen eines solchen Abkommens auf Handel und Einkommen berücksichtigt wurden.

Grundlage war ein statisches allgemeines Gleichgewichtsmodell des internationalen Handels, in dem etwa 140 Länder in 57 Handels- und Dienstleistungssektoren miteinander Handel treiben können und in dem die Handelsströme durch Zölle und nichttarifäre Hemmnisse behindert werden. Als Basisjahr wurde 2011 gewählt, also die Zeit vor der Einführung der westlichen Sanktionen und des russischen Embargos.

Die Studie basiert auf folgendem Gedankenexperiment: Wie würden die Handelsströme, die sektorale Struktur der Produktion und die realen Einkommen aussehen, wenn ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und der EAWU geschlossen würde? Es wurden drei Szenarien für ein solches Abkommen in Betracht gezogen:

– zwischen allen EU-Mitgliedern und Russland;

– zwischen allen EU-Mitgliedern und allen EAWU-Mitgliedern und

– zwischen allen EU-Mitgliedern sowie allen ehemaligen Mitgliedstaaten der Sowjetunion (außer den baltischen Staaten).

Der Geltungsbereich des Abkommens entspricht den modernen Freihandelsabkommen der EU mit anderen Ländern.

Es besteht ein deutliches Potenzial für die Ausweitung des Waren- und Dienstleistungshandels zwischen der EU und der EAWU. Dank eines tief greifenden Abkommens könnten die russischen Exporte im Vergleich zu 2011 um 32 Prozent steigen; die Exporte Armeniens um mehr als 80 Prozent; die Exporte von Belarus und Kirgisistan könnten sich verdoppeln. Die EU-Exporte in die EAWU-Länder könnten gegenüber 2011 um mehr als 60 Prozent steigen. Das größte Potenzial hätten die baltischen Republiken, die Slowakei, Finnland und Polen. Die deutschen Exporte könnten um 59 Prozent steigen.

Würde ein Freihandelsabkommen nicht nur mit den EAWU-Staaten, sondern auch mit den nicht der EU angehörenden Nachfolgestaaten der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) abgeschlossen, würden die EU-Exporte gegenüber 2011 um 74 Prozent steigen.

Durch ein Abkommen mit der EU könnte Russland das Realeinkommen um 3,1 Prozent oder 34 Milliarden Euro erhöhen. Weißrussland würde prozentual sogar noch stärker zulegen (+ 4,9%). Spürbare positive Effekte werden in Armenien (+ 2,3%), Kirgisistan (+ 2,3%) und Kasachstan (+ 1,7%) erwartet.

In Europa würden zunächst die baltischen Republiken von dem Abkommen profitieren. Ihr Pro-Kopf-Einkommen könnte um 1,2 Prozent bis 1,8 Prozent steigen – etwa 200 Euro pro Person und Jahr. Ungefähr 60 Prozent dieses Wachstums würde aus Russland kommen, der Rest hauptsächlich aus Weißrussland.

Als Ergebnis eines tief greifenden Abkommens mit der EAWU würde die EU das Realeinkommen um 30 Milliarden Euro erhöhen. Wenn andere ehemalige Staaten der UdSSR dem Abkommen beitreten sollten, würde das Einkommen um 40 Milliarden Euro steigen. Österreich könnte seinen Handel mit den EAWU-Ländern um 49 Prozent erhöhen. Das Pro-Kopf-Einkommen in Österreich würde dann um 65,27 Euro steigen.

Für Russland würde ein Abkommen, das nur die Zölle aufhebt, zusätzliche 30 Euro pro Person bringen. Für Österreich wäre ein Anstieg von 14 Euro zu erwarten. Würden die nichttarifären Handelshemmnisse in allen Bereichen beseitigt, könnte das Einkommen in Russland um 151 bis 290 Euro pro Person und Jahr steigen. In Österreich würde das Einkommen hingegen um 39 bis 65 Euro pro Kopf steigen.

Somit kommen die Studien der letzten Jahre zu einem ähnlichen Ergebnis: Die Schaffung einer Freihandelszone zwischen Russland (bzw. der EAWU) und der EU führt zumindest zu einer Pareto-Verbesserung.

Hemmnisse für den Dialog zwischen der EU und der EAWU


Eine formale Voraussetzung für ein Freihandelsabkommen ist, dass alle EAWU-Länder Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO) sein müssen. Nach dem Beitritt Kasachstans zur WTO Ende 2015 muss dieser Schritt noch von Belarus unternommen werden, welches seine Anstrengungen in letzter Zeit enorm verstärkt hat. Die noch ausstehende WTO-Mitgliedschaft von Belarus ist jedoch ein nicht ganz stichhaltiges Argument gegen den Beginn eines EU-Verhandlungsprozesses mit der EAWU, da das Land nach dem Beitritt Russlands zur besagten internationalen Organisation im Jahr 2012 die Regeln der WTO akzeptieren musste (Belarus Accession to the WTO, n.d.). Vielmehr sind die aktuellen politischen Bedenken der EU-Mitgliedstaaten gegen Kontakte mit Russland die Ursache für die insgesamt mangelnde Dialogbereitschaft. Die Politiker wenden sich mit folgendem Argument gegen die Schaffung einer Freihandelszone: Die eurasische Integration ist ein russisches imperiales Projekt und stellt den Versuch dar, die frühere Sowjetunion wiederzubeleben, verbunden mit dem Ergebnis, dass die Mitgliedsländer ihre Unabhängigkeit verlieren werden (Artemenkova, 2017).

Auch die im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt eingeführten Sanktionen stehen einer möglichen Integration im Wege. Die EU verbindet die Lockerung der Sanktionen, aber auch positive Schritte im Prozess der Annäherung an Russland und die EAWU mit der Umsetzung des Minsker Abkommens und positiven Ansätzen zur Konfliktlösung. Die Integration wird jedoch nicht nur durch die westlichen Sanktionen gegen Russland gebremst. Moskau hat ohne Rücksprache mit den Partnerländern der EAWU Gegensanktionen eingeführt und einen Präzedenzfall für Entscheidungen geschaffen, die nur auf nationaler Ebene vorteilhaft sind. Experten nennen es ein Beispiel für nationalen Egoismus (There is no alternative to the EAWU in the Eurasian space, 2017).

Darüber hinaus tragen unterschiedliche soziale und wirtschaftliche Entwicklungen in den Mitgliedstaaten der EAWU sowie unterschiedliche marktwirtschaftliche Transformationen der Volkswirtschaften zu einem gravierenden Hindernis für die erfolgreiche Umsetzung des Projekts bei. Russland und Kasachstan, die international als Marktwirtschaften anerkannt sind, liegen weit vor dem staatlich dominierten Weißrussland. Die Volkswirtschaften Russlands und Kasachstans haben eine ausgeprägte Rohstofforientierung. Belarus hat von der Sowjetunion eine entwickelte verarbeitende Industrie geerbt. Auch das Geschäfts- und Investitionsklima ist unterschiedlich (Biernat, 2017).

Die Probleme innerhalb der EAWU selbst geben auch in Brüssel Anlass zur Sorge. Sie funktioniert immer noch nicht als einheitlicher Wirtschaftsraum, wobei der anhaltende Protektionismus der beteiligten Länder das gesamte Projekt gefährdet (Erokhin, 2019). In der EAWU gibt es zahlreiche Hemmnisse, Ausnahmen und Beschränkungen des freien Handels. Beispielsweise können ausländische Investoren, die in Weißrussland moderne Qualitätsprodukte herstellen, diese unter den bestehenden Bedingungen nicht immer frei innerhalb der EAWU verkaufen. Alle Arten von nichttarifären Handelshemmnissen spielen eine negative Rolle (Biernat, 2017). Dies verdeutlicht, dass die Union es bisher versäumt hat, den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital zu gewährleisten. Die Mitgliedschaft in der EAWU bleibt ein Spiel, wer wen mehr täuscht – und geht zudem in ständige Auseinandersetzungen über.

Wenn die EU in einen engeren Dialog mit anderen Integrationsverbänden tritt, prüft sie zwei Faktoren: Erstens, ob es einen gemeinsamen Binnenmarkt gibt; und zweitens, wie liberal das Außenhandelsregime der betreffenden Organisation ist. Nun hat die EU Zweifel daran, wenn sie von Brüssel aus auf das blickt, was in der EAWU geschieht. Konkrete Beispiele sind ein Verbot von Milch aus Weißrussland und Handelsstreitigkeiten zwischen Kirgisistan und Kasachstan (Zelensky, M., & Polivanov, A., 2017; Kumenov, A., 2017). Dies sind Indikatoren für die Unvollkommenheit des EAWU-Marktes. Die EU stellt infrage, ob es einen gemeinsamen Markt gibt, der ohne Probleme funktioniert. Einige Mitgliedsländer weichen von der gemeinsamen Handelspolitik der EAWU ab. Darüber hinaus ist Brüssel überrascht, dass bis zu 85 Prozent des Handels in der EAWU auf den Handel mit dem Ausland entfallen und der Binnenhandel rückläufig ist (Giucci, R., & Mdinaradze, A., 2017).

Im Vergleich zur EU wurde die eurasische Integration in einem rasanten Tempo vorangetrieben. In Europa begann man 1951 mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (kurz: EGKS), in deren Rahmen die Grundsätze der Einführung eines Binnenmarktes erarbeitet wurden. Im Gegensatz dazu hat man in Eurasien den Übergangsprozess von der Zollunion zur EAWU auf vier Jahre verkürzt.

Das Hauptproblem ist aber das Fehlen gemeinsamer Werte. Die EAWU ist im Gegensatz zur EU nicht durch gemeinsame liberale Werte geeint und beruht entweder auf militärischen Interessen oder ist mit der wirtschaftlichen Situation in Russland verbunden. Die Mitgliedstaaten stehen Russland und seinen Ideen nahe, solange es ihnen finanzielle Anreize bieten kann. Wird es nach dem Rücktritt der derzeitigen Führer aus der politischen Arena eine Eurasische Union geben?

Der ehemalige Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, Zbigniew Brzeziński, vertrat die Meinung, dass die EAWU keine langfristige Perspektive habe. Er bezweifelte, dass die Eurasische Union mehr als 10 bis 20 Jahre bestehen würde – vor allem, wenn ihre Führer in dieser Zeit wechseln sollten. Darüber hinaus würde die EAWU obsolet werden, wenn sich die Beziehungen Russlands zum westlichen Teil Europas normalisieren sollten und die russische Führung anerkennen würde, dass Russland letztlich ein europäischer und kein eurasischer Staat sei (Bratersky, 2017).

Es ist schwer, ihm zu widersprechen. Die internen politischen Prozesse in den Ländern der Union zusammen mit den oben beschriebenen Problemen stellen ihre weitere Existenz in der gegenwärtigen Form in Frage. Es ist notwendig, die Struktur der Union zu reformieren, gemeinsame Ziele und Werte zu formulieren, Integrationsprozesse zu vertiefen, einen supranationalen Status nicht nur de jure, sondern auch de facto zu schaffen, gemeinsame Projekte in neuen Wirtschaftsbereichen zu fördern, wirtschaftlich starke und technologisch fortgeschrittene Akteure einzubeziehen, die der Entwicklung einen zusätzlichen Impuls geben und die Attraktivität der Mitgliedschaft in der Union erhöhen können. Nur auf diese Weise kann die Union zu einem dauerhaften Projekt der internationalen Zusammenarbeit und der Steigerung der Wohlfahrt der Bürger der Mitgliedsländer werden.

Quellenangaben

Agreement on partnership and cooperation establishing a partnership between the European Communities and their Member States, of one part, and the Russian Federation, of the other part. (1994, June 24). Retrieved from https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/ALL/?uri=CELEX:21997A1128(01).

Artemenkova, N. (2017, March 16). The Eurasian Economic Union: Russian «March Eastwards» or an Alternative to Rejoining the West? Retrieved from http://eurasian-studies.org/archives/2955.

Belarus Accession to the WTO. (n.d.). Retrieved from http://mfa.gov.by/en/foreign_trade/wto/accession/.

Biernat, J. (2017, November 17). Eurasian integration failed? Retrieved from https://inosmi.ru/politic/20171117/240783111.html.

Blogging on Facebook in Russian, Macron notes progress in ties with Moscow. (2019, August 20). Retrieved from https://tass.com/world/1074276.

Bratersky, A. (2017, April 7). Zbigniew Brzezinski: Russia should form a closer union with U.S. and China. Retrieved from https://www.rbth.com/international/2017/04/07/zbigniew-brzezinski-russia-should-form-a-closer-union-with-us-and-china_737177.

De Souza, L. V. (2006). A Wider Europe: Trade Relations Between an Enlarged EU and the Russian Federation. Problems of Economic Transition, 49(2), 6-33.

Direct investments in the Russian Federation from abroad by instrument and investor country in 2010-2014. (2014, September 15). Retrieved from http://cbr.ru/statistics/print.aspx?file=credit_statistics/dir-inv_in_country.htm&pid=svs&sid=ITM_58761.

Erokhin, D. (2019, January 16). Building bridges between Europe and Asia. Retrieved from https://blog.iiasa.ac.at/2019/01/16/building-bridges-between-europe-and-asia/.

EU and Russia: A roadmap for the Common Economic Space (CES). (2005, May 17). Retrieved from https://ec.europa.eu/growth/content/eu-and-russia-roadmap-common-economic-space-ces-0_en.

Eurasian Economic Commission and European Commission are building technical dialogue. (2019, June 21). Retrieved from http://www.eurasiancommission.org/ru/nae/news/Pages/21-06-2019-1.aspx.

European Union, Trade in goods with Russia. (2019, June 03). Retrieved from https://webgate.ec.europa.eu/isdb_results/factsheets/country/details_russia_en.pdf

European Union, Trade in goods with Russia. (2019, June 03). Retrieved from https://webgate.ec.europa.eu/isdb_results/factsheets/country/details_russia_en.pdf.

Felbermayr, G., & Gröschl, J. (2017). Free Trade from Lisbon to Vladivostok: Who Gains, Who Loses from a Eurasian Trade Agreement? In CESifo Forum (Vol. 18, No. 2, pp. 52-62). München: ifo Institut–Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München.

Foreign Policy Concept of the Russian Federation (approved by the President of the Russian Federation V.V. Putin on February 12, 2013) (expired). (2013, February 18). Retrieved from http://www.mid.ru/foreign_policy/official_documents/-/asset_publisher/CptICkB6BZ29/content/id/122186.

Foreign Policy Concept of the Russian Federation (approved by the President of the Russian Federation Vladimir Putin on November 30, 2016). (2016, December 01). Retrieved from http://www.mid.ru/foreign_policy/news/-/asset_publisher/cKNonkJE02Bw/content/id/2542248.

Foreign trade. (n.d.). Retrieved from

http://www.gks.ru/wps/wcm/connect/rosstat_main/rosstat/ru/statistics/ftrade/.

Giucci, R., & Mdinaradze, A. (2017, September 8). The Eurasian Economic Union. Analysis from a trade policy perspective. Retrieved from https://berlin-economics.com/wp-content/uploads/Eurasian-Economic-Union-trade-policy-perspective.pdf.

International trade in goods in 2018. (2019, March 20). Retrieved from https://ec.europa.eu/eurostat/documents/2995521/9678915/6-20032019-AP-DE.pdf/265b3a81-821d-464f-a5e5-b2473ea5d9af.

Jarocinska, E., Maliszewska, M., & Scasny, M. (2010). Modelling Economic, Social and Environmental Implications of a Free Trade Agreement between the European Union and the Russian Federation.

Joint Statement on the Energy Dialogue by President of the Russian Federation Vladimir Putin, President of the European Council Guy Verhofstadt, with the assistance of the Secretary General of the Council of the EU/High Representative for Common Foreign and Security Policy Javier Solana and President of the European Commission Romano Prodi. (2001, October 3). Retrieved from http://kremlin.ru/supplement/3266.

Knobel, A., & Chokaev, B. (2014). Possible Economic Outcomes of a Trade Agreement with the European Union. Economic Issues, (2), 68-87.

Kofner, Y. (2019, June 26). Ten Reasons for EAWU-EU Cooperation. Retrieved from http://valdaiclub.com/a/highlights/ten-reasons-for-EAWU-eu-cooperation.

Kumenov, A. (2017, November 3). Kazakhstan, Kyrgyzstan Bicker Over Contraband. Retrieved from https://eurasianet.org/kazakhstan-kyrgyzstan-bicker-over-contraband.

Le voyage présidentiel en Alsace. (1959, November 24). LE MONDE № 4615, p. 4.

Manchin, M. (2004). The economic effects of a Russia-EU FTA (No. TI 04-131/2).

On the state of foreign trade in 2018. (2019, February 06). Retrieved from http://www.gks.ru/bgd/free/B04_03/IssWWW.exe/Stg/d04/35.htm.

Putin. (2010, November 25). Plea for Economic Community from Lisbon to Vladivostok. Süddeutsche Zeitung. Retrieved from https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/putin-plaedoyer-fuer-wirtschaftsgemeinschaft-von-lissabon-bis-wladiwostok-1.1027908.

Sulamaa, P., & Widgrén, M. (2005). Economic effects of free trade between the EU and Russia (No. 969). ETLA Discussion Papers, The Research Institute of the Finnish Economy (ETLA).

The visit of the General Secretary of the CPSU Central Committee, Mikhail Gorbachev, to France. October 2-5, 1985 Documents and materials. (1985). Moscow: Political Literature Publishing House, p. 14.

There is no alternative to the EAWU in the Eurasian space. (2017, October 31). Retrieved from http://www.eurasiancommission.org/en/nae/news/Pages/31-10-2017-2.aspx.

Top 10 countries as extra EU-28 partners for FDI positions, EU-28, end 2012–14 (billion EUR). (2017, February 02). Retrieved from https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/File:Top_10_countries_as_extra_EU-28_partners_for_FDI_positions,_EU-28,_end_2012–14_(billion_EUR)_YB16-de.png.

Word protocol of Vladimir Putin’s speech in the German Bundestag. (2001, September 25). Retrieved from https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/gastredner/putin/putin_wort/244966.

Zelensky, M., & Polivanov, A. (2017, February 3). Russia is in a quarrel with Belarus. Retrieved from https://meduza.io/en/feature/2017/02/03/russia-is-in-a-quarrel-with-belarus.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *