Großeuropa – von Haushofer bis Putin

_ Am 16. November 2013, einen Monat vor dem “Euromaidan”-Putsch, trat Jurij Kofner, Direktor des Zentrums für Eursasische Studien (ZES), auf der letzten grossen internationalen pro-eurasischen Konferenz “My Yediny” (de. Wir sind Eins) in Kiew auf. Der Text seines Vortrags mit dem Namen “Großeuropa – von Lissabon bis Wladiwostok, von Haushofer bis Putin” ist untenstehend veröffentlicht.

Definition

Großeuropa – das ist das Konzept eines gemeinsamen Raumes von Lissabon bis Wladiwostok, vom Pazifischen Ozean bis zum Atlantik. In unserer Zeit versteht man unter Großeuropa einen gemeinsamen Raum zwischen der Europäischen und der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) in wirtschaftlicher, rechtlicher, kultureller, wissenschaftlicher und sogar sicherheitspolitischer Hinsicht.

Die Begriffe “Großeuropa” und “Großurasien” sind hierbei identisch. Sie haben dieselbe Essenz.

Geschichte

Die erste Konzeption eines Großeuropas veröffentlichte 1941 der münchner Professor und einer der Gründerväter der deutschen Schule der Geopolitik – Karl Haushofer (1869-1946) in seinem Artikel “Kontinentaler Block: Zentraleuropa – Eurasien – Japan”. Er schlug die Schaffung eines geopolitischen Blocks vor, der auf der Grundlage einer politischen Allianz dreier gleichrangiger Machtzentren – Deutschland in Europa, Russland in Eurasien (UdSSR) und Japan in Ostasien – organisiert wäre.

Dieser Kontinentalblock war beabsichtigt um dem Einfluss der angloamerikanischen Hegemonie zu begegnen. Haushofers Arbeit über den Kontinentalblock ist die Weiterentwicklung der “Heartland-Theorie“ Helford Mackinders in der sich laut ihm See- und Landmächte gegenüber stehen.

Jedoch wurde Haushofers Lehre über die Außenpolitik von den Nazis verzerrt. Für seine scharfe Kritik am hinterhältigen Überfall des Dritten Reichs auf die Sowjetunion wurde er zunächst von allen Ämtern entbunden, von der Gestapo unter Hausarrest gestellt und dann in ein Konzentrationslager gesteckt. Sein Sohn Albrecht wurde als Teilnehmer des Stauffenbergplots vom 20. Juli 1944 festgenommen und erschossen.

Anfang der 1950er Jahre begann Frankreichs Präsident Charle de Gaulle in seinen Reden von einem “Europa vom Atlantik bis zum Ural” zu sprechen, welches seiner Meinung nach “das Schicksal der Welt entscheiden wird”. In den künftigen Ländern der politischen Union eines Großeuropas, welches Russland einschließen würde, sah de Gaulle, genau wie Haushofer auch, eine Alternative zur “angelsächsischen” NATO. Großbritannien war dabei in seinem Konzept von Europa nicht enthalten. Die Anwendung eines Europas “bis zum Ural” jedoch, kann auf verschiedene Weise aufgefasst werden, darunter auch als eine Missachtung der territorialen und zivilisatorischen Einheit Russlands und als Appell an die territoriale Erweiterung der Europäischen Union auf Kosten russischen Territoriums.  So eine Aufassung ist jedoch weder aus moralischer, noch ethno-kultureller Sicht nicht tragbar.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 geschah aber genau dies. Der Westen verstärkte seine Macht durch Kolonisierung auf Kosten der Länder des Warschauer Vertrags und der ehem. UdSSR. Dies geschieht durch transatlantische Strukturen wie die NATO, die Östliche Partnerschaft und diverse Freihandelsabkommen mit der EU. Das jüngste Beispiel ist die wirtschaftliche Unterjochung der Ukraine im Rahmen der EU-Assoziierung.

Im ersten Jahrzehnt der 2000-er Jahre boten der Präsident Russlands Wladimir Putin und der Präsident Kasachstans Nursultan Nasarbajew eine Alternative an, genauer gesagt, ihre eigene Konzeption eines “Großeuropas”. Ihrer Ansicht nach ist das letztendliche Ziel der eurasischen Integration die Schaffung eines gemeinsamen Raums von Lissabon bis Wladiwostok. Aber im Gegensatz zu einem banalen Beitritt der ehem. Sowjetschtaate in transatlantische Strukturen schlagen sie vor die Eurasische Wirtschafsunion intern zu stärken um danach mit Europa auf Augenhöhe zu kooperieren. Eas kann angenommen werde, dass so ein “Kontinentalblock des XXI. Jahrhunderts” zwei Machenzentren der Macht haben wird – die Achsen Paris-Berlin und Moskau-Astana.

Das Ergebnis wäre ein gemeinsamer Raum zwischen der Eurasischen und der Europäischen Union. Der Unterschied zwischen einem gemeinsamen und einem vereinten Raum läge hierbei darin, dass ein vereinter Raum ein vereinigtes supranationales Zentrum auf seinem gesamten Territorium impliziert, währenddessen ein gemeinsamer Raum eine Harmonisierung und Annäherung zwischen den Politiken von zwei (oder mehr) souveränen Akteuren bedeutet.

Zivilisatorischer Ansatz:

Die Möglichkeit und der Wunsch einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zwischen der Europäischen und der Eurasischen Union wird nicht nur durch die ökonomische Notwendigkeit bestimmt, sondern auch durch die zivilisatorische Zusammengehörigkeit. Für ihre Bestimmung gibt es mindestens drei Ansätze (Theorien):

1.Westlertum (These)

Die Westler glauben, dass Russland als Teil (Fortsatz) der westlich-europäischen Zivilisation, trotz des jahrhundertelangen Austauschs mit dem Osten (darunter zählt das tatarisch-mongolische s.g. “Joch”) ein überwiegend europäischer Teil Europas geblieben ist. Für die Westler ist das gesamte asiatische Element im russischen Leben wild, barbarisch und rückständig, welches notwendigerweise durch europäische Gesetze, Wissenschaft und Säkularismus zu neutralisieren sei. Sie glauben, dass Russland, um sich “auf ein europäisches Niveau zu erheben”, es angeblich nötig sei, Russland sich vollständig in transatlantischen Strukturen, also in die “zivilisierte Welt” integrieren müsse. Und dies natürlich nicht als Gleichberechtigter, sondern als Lehrling.

Die Westler sehen das Konzept eines Kontinentalblocks als eine Gemeinschaft der westlichen Welt mit den USA als Metropole und dem Rest als Vasallenprovinzen. In diesem Wahnkonzept wäre Russland,  ohne den Kaukasus und Zentralasien, ein “Juniorpartnern” ein Teil der Europäischen Union und der NATO. Aus diesem Grund und in diesem Format, ist dieses Konzept für die Eurasier und andere russische Patrioten nicht akzeptabel.

2. Eurasismus (Antithese)

Die klassischen Eurasier glaubten, dass Russland-Eurasien, d.h. der aktuelle postsowjetische Raum, einen kulturellen Subkontinent darstellt und sich von der europäischen und asiatischen Zivilisation unterscheidet. Die Grundlage dieser Zivilisation sind traditionelle (religiöse) Werte; in Russland in erster Linie das östliche Christentum. Die modernen Unterstützer der „Vierten Politischen Theorie“, die den Anspruch des Westens auf Universalismus und Absolutheit in der Welt ablehnen, glauben genauso, dass Russland-Eurasien seinem nationalen Entwicklungspfad folgen sollte.

Klassische Eurasier würden wahrscheinlich gegen die Errichtung eines Kontinentalblocks sein (hätten sie ein derartiges Projekt gekannt), da sie in ihm einen Versuch europäischer Mächte zur Kolonisierung Russland-Eurasiens sehen würden.

3. Kontinentalismus (Synthese)

Nach dem Konzept des Kontinentalismus, das eine Fortsetzung der Ideen der Slawophilen und des russischen Philosophen Alexander Sinowjew darstellt, sind Russland-Eurasien und (West-)Europa zwei von vier Sub-Zivilisationen der großen “abrahamitischen Superzivilisation”.

Die beiden anderen Sub-Zivilisationen sind der anglo-amerikanische Raum (Ozeanien) und Lateinamerika. In diesem Paradigma ist Russland-Eurasien noch Teil der paneuropäischen Welt, aber im Gegensatz zum Westlertum, ist es kein “rückständiger Teil“ dessen, sondern es entspricht einem „Anderen Europa”, das auf seiner kulturellen Besonderheit eines östlichen Christentum basiert.

Die Fundamente der großen abrahamitischen Superzivilisation sind an erster Stelle die biblische Tradition (Altes und Neues Testament) und an zweiter Stelle das Erbe der antiken griechischen Philosophen (Platon, Aristoteles, etc.).

Das Kontinentalismus-Konzept eignet sich am besten, um die oben erwähnten Auffassungen Putins und Nazerbajews auf einen Kontinentalen Block, welcher die gemeinsamen Beziehungen zwischen Russland und Westeuropa und gleichzeitig die Unterschiede zwischen ihnen (und im weiteren Sinne auch zwischen Russland-Eurasien und „Ozeanien“) anerkennt, wiederzugeben.

Auf diese Weise besteht die Möglichkeit eines Aufbaus eines Kontinentalblocks, bei dem jedoch die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung eines zwei-zentrigen Systems (gemeinsamen Raums) betont wird.

Vorteile eines Großeuropas für Russland-Eurasien

  • Möglichkeit der wirtschaftlichen Modernisierung durch europäische Investitionen;
  • Schaffung großer transkontinentaler Holdings zwischen europäischen und eurasischen Konzernen (z.B. EADS und Roskosmos);
  • Schaffung großer Investitionsprojekte auf dem Territorium der Eurasischen Union (vor allem, im Bereich von Transport);
  • Steigerung des Warenumsatzes zwischen der EU und EAWU;
  • Schaffung gemeinsamer Forschungsprojekte;
  • Einführung von Visafreiheit zwischen der EU und der EAWU und damit der Abbau der ideologischen Gräben zwischen Europäern und Eurasiern;
  • Gewinnung eines geostrategischen Vorteils in der Welt. Wenn der Zweck der NATO es ist «die Russen draußen zu halten, die Amerikaner drinnen und die Deutschen unten zu halten» – nach dem bekannten Ausspruch von Lord Ismay, so ist der Zweck des Kontinentalblocks – “die USA weiter weg, Russland näher und Deutschland höher zu halten”.
  • Im Gegegenteilz zu TTIO die Förderung und Übernahme bestimmter Konzepte und Normen des Verbraucherschutzes und der weit in Europa verbreiteten verbraucherfreundlichen Unternehmenskultur;

Gefahren eines Großeuropas für Russland-Eurasien

  • Das TTIP Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU (Transatlantic Trade and Investment Partnership) soll in den nächsten Jahren unterschrieben werden, welches die Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums zwischen der EU und EAWU praktisch sinnlos machen würde
  • Verstärkte Ausbreitung fraglwürdiger postliberaler Werte aus dem Westen (Homophilie, Individualismus, Ökonomischer Fundamentalismus, Kosmopolitismus, Kulturmarxismus, usw.) aufgrund offener Grenzen.

Fazit

Das Konzept für den Aufbau eines Großeuropas ist die einzige kohärente Alternative zur transatlantischen Expansion nach Osten. Nur durch enge wissenschaftliche und wirtschaftliche, kulturelle und sogar politisch-militärische Zusammenarbeit auf ebenbürtiger Basis zwischen Europa und der Eurasischen Union, lässt sich ein weiteres Zerwürfnis zwischen den beiden Subzivilisationen stoppen. Die Ukraine nimmt in diesem Konzept eine Schlüsselrolle ein und befindet sich als Schnittstelle („faultline“ nach Huntington) zwischen der europäischen und der russisch-eurasischen Welt.

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