Eurasische Wirtschaftsunion plant grüne Transitkorridore zwischen Europa und Asien

_ Kathleen Beger. GTAI. Bonn, 11 Juni 2019.

Die Eurasische Wirtschaftsunion will den Warentransit vereinfachen. Voraussetzung ist die Rückverfolgbarkeit des Warenverkehrs. Mit digitalen Zollplomben sollen Frachtdaten schneller ausgetauscht und die Durchfuhren besser kontrolliert werden.

Die Mitgliedsstaaten der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) – Russland, Kasachstan, Belarus, Armenien und Kirgisistan – haben am 29. Mai 2019 eine Vereinbarung über die Rückverfolgbarkeit des Warenverkehrs geschlossen. Bis zum 1. September 2019 müssen die Zollbehörden der einzelnen Länder eine entsprechende Roadmap erarbeiten. Im 3. Quartal 2019 sollen innerhalb der EAWU multilaterale Testläufe mit digitalen Plomben stattfinden.

Ziel ist es, die Zollabwicklung zu beschleunigen und die Transitfracht besser zu kontrollieren. Zum einen können elektronische Plomben Schmuggel und Korruption den Riegel vorschieben. Zum anderen sind sie in der Lage, Beschädigungen an der Ware oder Abweichungen von der Transportroute zu erkennen. Vorteile ergeben sich daraus nicht nur für die EAWU-Staaten, die für mehr Transparenz und Sicherheit im Warenverkehr sorgen können. Auch die Unternehmen profitieren, etwa durch schnellere Lieferzeiten und niedrigere Transportversicherungskosten.

Zugleich fällt die Notwendigkeit für zusätzliche Kontrollen unterwegs weg. „Warum sollen wir eine Fracht überprüfen, die mit einer digitalen Plombe versiegelt wurde?“, entgegnete Ruslan Dawydow, erster stellvertretender Direktor des russischen Zolldienstes FTS.Russland erlaubt den Transit sanktionierter Waren

Russland erlaubt den Transit sanktionierter Waren

Das Russland Ernst macht, bezeugt ein Dekret, das Wladimir Putin am 24. Juni 2019 erlassen hat. Es erlaubt den Transit von sanktionierten Waren, die für ein drittes Land wie beispielsweise Kasachstan, Kirgisistan oder China bestimmt sind. Hierunter fallen Güter aus der Ukraine sowie Agrarprodukte und Lebensmittel aus der Europäischen Union (EU) und anderen Ländern, für die Russland ein Importverbot verhängt hat. Das Dekret ist am 1. Juli 2019 in Kraft getreten. Eine Liste mit möglichen Transitpunkten für den Straßen- und Schienenverkehr will die russische Regierung demnächst veröffentlichen.

Voraussetzung ist allerdings, dass die Fracht mit einer digitalen Zollplombe verschlossen wurde, die auf der russischen Satellitennavigationstechnologie GLONASS und dem System Platon basiert. Die in der Plombe gespeicherten elektronischen Daten ermöglichen es, jederzeit Standort und Zustand der Fracht zu überprüfen. „Wir wollen sicher gehen, dass diese Waren nicht in Russland verbleiben“, sagte Ruslan Dawydow.

Elektronische Navigationsplomben – digitale Alleskönner

Die digitale Zollplombe, die auf Russisch offiziell „elektronische Navigationsplombe“ heißt, ist ein wahres Wunder der Technik: Ähnlich einem Bordcomputer speichert sie alle Daten rund um den Gütertransport. Sie beinhaltet nicht nur Informationen zum Standort und Zustand der Ware, sondern kann auch Wetterdaten, Straßen- und Schienenverhältnisse auslesen. Lkw-Fahrer erhalten in Echtzeit wichtige Hinweise zu ihrer Route und können sie gegebenenfalls anpassen, etwa im Falle von Stau und Sperrungen oder bei sich verändernden Witterungsbedingungen.

Apropos Wetter: Die Sorge, dass die Plomben während der Fahrt beschädigt werden könnten, ist unberechtigt. Denn die kleinen Bordcomputer sind sehr robust, halten Temperaturen von -40 Grad bis +70 Grad Celsius stand und funktionieren bis zu 45 Tage ohne Aufladen. Zudem gelten sie als missbrauchssicher. Sollte jemand versuchen, sie unerlaubt zu öffnen, lösen sie sofort ein Alarmsignal aus.

Erste Pilotprojekte mit digitalen Zollplomben waren erfolgreich

Dass die digitalen Zollplomben einsatzfähig sind, hat ein Pilotprojekt zwischen Russland und Kasachstan im Herbst 2018 gezeigt. Teilgenommen hatten insgesamt 63 Transportunternehmen, davon 55 ausländische. Unter ihnen befanden sich die Speditionsfirmen Trasko und Adshens (APS). Auch der russische Einzelhandelskonzern Magnit hat die Beförderung seiner Waren im Rahmen des Projekts testen lassen. In den grenzüberschreitenden Transport gingen Ausrüstungen, Arzneimittel, Pflanzen, Lebensmittel und Konsumgüter. Für das Pilotprojekt waren mehrere Zollstationen und Transportrouten ausgewählt worden.

Auch in Belarus gab es ein Pilotprojekt. Die Teilnahme stand sowohl in- als auch ausländischen Spediteuren offen. Befördert werden durften alle Warenpositionen. Das Anbringen der Plombe dauerte im Schnitt zehn Minuten.

Unternehmen bezweifeln das Kosten-Nutzen-Verhältnis

Nicht alle sehen die Einführung digitaler Zollplomben positiv. Der Generaldirektor von AO Schenker in Russland, Ajwars Taurinsch, ist überzeugt, dass die Plomben das Unternehmen teuer zu stehen kommen. Er geht davon aus, dass sich die Kaution für eine digitale Plombe insgesamt auf rund 30.000 Rubel (417,77 Euro; 1 Rubel = 71,81 Euro, Stand: 3. Juli 2019, Quelle: Europäische Zentralbank) belaufen wird. Pro Tag rechnet er mit 1.000 Rubel Miete zuzüglich der Gebühren für das Anbringen und Entfernen der Plombe von etwa 5.000 bis 10.000 Rubel.

Rentabel wäre das Taurinsch zufolge nur dann, wenn sich die Transportzeit tatsächlich reduzieren ließe, das heißt, wenn ein Lkw die Grenzen ungehindert passieren könnte. Bisher sprechen die langen Schlangen vor den Grenzzollstellen aber eine andere Sprache.

Grüne Transitkorridore zwischen China und der EU geplant

Nichtsdestotrotz sind digitale Plomben eine wesentliche Voraussetzung für grüne Transitkorridore zwischen Europa und Asien, die die EAWU langfristig anstrebt. Funktionieren soll das System so: Ein mit chinesischen Waren beladener Lkw steuert einen Transport- und Logistikhub in China an, wo die Fracht konsolidiert und in einen Container geladen wird. Anschließend erfolgt die Zollabfertigung. An der Kontrolle sind der für die Verplombung zuständige Operator und die Zollbehörden der Transitländer beteiligt. Der Container wird mit einer digitalen Plombe verschlossen, die alle Frachtinformationen beinhaltet, und danach per Lkw (oder Zug) auf die Reise nach Deutschland geschickt.

An der chinesisch-kasachischen Grenze können beide Zollstellen die Frachtdaten auf elektronischem Wege schnell und einfach auslesen, ohne dass der Lkw an der Weiterfahrt gehindert wird. Auf dem Transitweg durch Russland und Belarus findet keine weitere Kontrolle statt. An der belarussisch-polnischen Grenze gilt dasselbe Prozedere wie zuvor an der chinesisch-kasachischen Grenze. Der Lkw kann daher ungehindert bis zu einem Transport- und Logistikhub in Deutschland weiterfahren, wo die digitale Plombe geöffnet und die Fracht entladen wird. Das System soll in Zukunft auch den Warenverkehr in die andere Richtung, von der EU nach China, ermöglichen.

Quelle: Germany Trade & Invest

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