Eurasismus als Russlands Alternative zum Transatlantismus

_ Natalia Pavlova. Moskau, 3 Oktober 2014.
Am 1. Oktober 2012 ist das 100-jährige Jubiläum von Lew Gumiljow begangen worden, der zu den Altvätern des eurasischen Konzepts gehört. Der herausragende russische Ethnograph und Orientalist Lew Gumiljow behauptete, dass Russland ursprünglich als ein eurasischer Staat aufgebaut wurde, in dem verschiedene Völker ein „gemeinsames historisches Schicksal“ gestalteten. Der sorgsame Umgang mit der kulturellen Identität stellt das Hauptmodell des Staatsaufbaus des modernen Russlands dar, das die zwischenethnische Einheit stärkt. Die eurasische Idee hindert die Welt daran, in den Abgrund der Unipolarität abzurutschen, meinen Experten.

Anfang Oktober 2014 hat die russische Staatsduma den Vertrag über die Gründung der Eurasischen Wirtschaftsunion ratifiziert. Die Annäherung zwischen Russland, Weißrussland und Kasachstan sowie der Beitritt Armeniens und Kirgisiens zur Union, aber auch die Verschlechterung der Beziehungen zu dem Westen haben die Gesellschaft veranlasst, sich auf die eurasische Idee zu besinnen.

Das eurasische Konzept zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Schaffen von Gumiljow. Da es zu Beginn des 20. Jhs. unter Emigranten, außerhalb Russlands entstanden war, konnten die Bücher und Artikel zu diesem Thema jahrzehntelang nicht in die UdSSR gelangen, deshalb gab und konnte es keine solide sowjetische Forschung dieser Strömung geben. Die einzige umfassende Studie zum eurasischen Konzept ist die Habilitationsschrift des deutschen Wissenschaftlers Otto Böss, die 1961 in Wiesbaden erschienen ist.

Wovon wurde die Suche nach der neuen Idee veranlasst? Im Grunde genommen wohl von dem, was auch heute geschieht: die Verrat des Westens and Russland, das Scheitern der Weißen Bewegung, das Gefühl der Ausweglosigkeit, das unter den russischen Emigranten vorherrschte. Zwangsläufig musste man nach einer Alternative suchen. 1921, als in Sofia der Sammelband „Exodus nach Osten“ erschienen war, gilt als das Entstehungsjahr der Bewegung. Die Ideengeber waren aus Russland ausgewanderte Wissenschaftler, die sich in Sofia, Prag, Belgrad, Berlin niedergelassen hatten: der Philologe und Historiker Fürst Trubezkoi, der Geograph und Geopolitiker Sawizki, der Historiker Wernadski.

Der Leiter der Eurasischen Bewegung Russlands Jurij Kofner ist der Meinung, dass der Eurasismus heute in Wirklichkeit keine Wirtschaftslehre darstellt, sondern eine Ideologie mit dem besonderen Konzept einer Gemeinschaft von Völkern, die sich zusammengeschlossen haben, um einer von außen kommenden Gewalt die Stirn zu bieten und auf eigenem Territorium eigene Werte durchzusetzen:

„Die Eurasier des 20. Jahrhunderts wie Nikolai Trubezkoi, Lew Gumiljow waren immer der Meinung, dass unsere Hauptidee darin besteht, eine Alternative zum Westen zu sein und eine gerechtere Ordnung, eine edlere Idee zu entwickeln, die man anderen Völkern anbieten könnte. Die Ideen der Gerechtigkeit und Wahrheit sind im eurasischen Raum zentral. Und während der Westen stets auf Aggression, Eroberung und Kolonisierung neuer Gebiete baute, brachte Russland eine andere Idee ein.

Die Russen haben andere Völker schon immer auf Augenhöhe, wie Ihresgleichen behandelt. Das war auch der Grund, warum das kleine Fürstentum am Moskwa-Fluss eine Unmenge an Völkern von Alaska bis zum Balkan, von Afghanistan bis zum Baltikum aufnahm. Allen diesen Völkern gelang ein friedliches Miteinander, bei dem sie sich gegenseitig ergänzten und auf der Grundlage antiker Zivilisationen wie die Goldene Horde, das Turkische Khanat und das Große Skythien eine unnachahmliche Zivilisation aufbauten. Das hat Lew Gumiljow bewiesen, der in seinen Werken die Geschichte dieses großen Raums geschildert hat.”

Wir leben in einer schwierigen Zeit, haben den georgisch-südossetischen Krieg überstanden, jetzt gibt es Krieg im Bruderland Ukraine. Den Worten von Anhängern der eurasischen Idee nach, gibt es keine Konflikte zwischen Völkern und Ethnien. Konflikte haben einen sozialen, politischen, medialen, oligarchischen Hintergrund. Mitarbeiter des Gumiljow-Zentrums reisen oft durch die Welt und vergewissern sich davon. Soeben sind sie aus Jakutien zurückgekehrt, vordem waren sie durch Kirgisien und Mongolei gereist. Die Gründung der Eurasischen Union stimmt optimistisch, meinen sie, deshalb wird die Idee des eurasischen Raums auch verwirklicht.

1992, kurz vor seinem Tod, schrieb Lew Gumiljow über das Studium der westeuropäischen Erfahrungen: „Fremde Erfahrungen kann und soll man studieren, aber man soll bedenken, dass es doch fremde Erfahrungen sind“. Bis vor kurzem war für das russische Bewusstsein typisch, gern alles aufzugreifen, was aus dem Westen kam. Wir zitieren gern westliche Autoren, uns gefällt, wenn wir im Westen zitiert werden. Dennoch haben die Ereignisse der letzten Monate plötzlich gezeigt, dass der Westen gar nicht so ist, wie wir ihn uns vorgestellt haben:

„Ich verstehe nicht, warum wir als riesiges, eigenständiges und schönes Land, das sich wie eine kolossale Bärin zwischen der Ostsee und dem Ochotskischen Meer ausgedehnt hat, darauf reagieren müssen, dass irgendeine kleine Universität irgendwo weit in Kansas sich auf uns berufen hat“, sagt Olga Sinowjewa, Leiterin des Internationalen Forschungs- und Bildungszentrums der Moskauer Lomonossow-Universität. „Unsere russische Fähigkeit, zu erblicken, was hinter dem Horizont liegt, und in unserer Nähe Schätze zu übersehen, ist leider unser Unglück, es ist eine Besonderheit des russischen Charakters. Ein Riese wie Gumiljow musste aus der Welt scheiden, damit alle sich auf ihn nach und nach besannen. All die unzähligen Reichtümer, die Kultur – das ist, was uns verbindet, nicht die Wirtschaft und Politik, sondern gerade die Kultur hat uns zum Homo sapiens erhoben. Man soll im Auge behalten, dass gerade die Kultur den Goldenen Schnitt der Zivilisation darstellt.“

Der Eurasismus setzt sich aus zwei untrennbaren Teilen zusammen. Er hindert die Welt daran, in den Abgrund der Unipolarität abzurutschen. Die unipolare Welt ist deshalb fürchterlich, weil sie einen Sumpf darstellt, wo nichts mehr los ist. Dort steht im Voraus alles fest: wer wertvoll ist und wer nicht, was eine Errungenschaft der Zivilisation ist, an wem man sich zu richten hat und wen man der Vergessenheit preisgeben kann, so Olga Sinowjewa.

„Was jetzt in unserer Welt vorgeht, ist Amerikas ausgesprochen dreistes Diktat, Obamas ungeheure Äußerungen über Russland. Gelogen wird so, dass der Mont Blanc wie ein Sandkorn erscheint verglichen mit den Bergen von Lügen, mit denen Obama die Weltgemeinschaft überhäuft. Irgendwie verlässt niemand den Saal der Uno, pfeift ihn niemand aus. Und die Weltgemeinschaft leistet ihm nur einen schwachen Widerstand. Ich bin dagegen, dass unsere Welt auf das primitive Bild, die Amöbe des amerikanischen Begriffs von einer unipolaren Welt reduziert wird. Der Eurasismus ist eine Realität, in der wir gelebt haben und leben werden, man muss nur für die riesige Vielfalt der Welt ein Auge haben.“

Gumiljows Werke haben laut Experten neben ihrer philosophischen und historischen Bedeutung auch ein praktisches, wirtschaftliches Potential. Wendet man sich der Geschichte zu, kann man entdecken, dass die Horde von Dschingis Khan ein ausgezeichnet organisiertes riesiges Reich darstellte. Vom Schicksal stiefmütterlich behandelt, trotz seiner adligen Abstammung ein Geächteter, war er unerbittlich, was die Idee der Gerechtigkeit betraf. Kommt nicht etwa daher die soziale Gerechtigkeit, die für Russen wie für Tataren und andere Völker Russlands inzwischen typisch ist? Erinnert man sich an die Goldene Horde, spricht man nicht nur von ihrer militärischen, sondern auch von ihrer wirtschaftlichen Stärke. Warum? In Wirklichkeit liefert die Horde das erste Beispiel der Globalisierung des Handels und der Finanzen, ist sich der Wirtschaftsexperte Alexander Rasuwajew sicher:

„Der große Batu Khan bildete sich einiges darauf ein, dass ein Kaufmann von Peking nach Kiew reisen konnte, ohne Räuber zu fürchten. Damals wurde erstmals ein globaler Markt mit Garantien der Vertragsausführung eingerichtet. Unfaire Geschäfte konnte man mit seinem Kopf büßen. Unter den Dschingisiden (direkten Nachkommen des Dschingis Khan) kam Papiergeld in Umlauf. Also datieren die ersten Versuche einer Globalisierung des Handels und der Finanzen ins 13. Jahrhundert.

Wodurch unterscheidet sich aber jene Globalisierung von der späteren, angelsächsischen? Letztere setzt nur einen, nämlich den eigenen Standpunkt voraus. Es gibt den Begriff eines Machtzentrums, das stets von einem einheitlichen Markt ausgeht. Im Rahmen der EU hat man versucht, diese Idee umzusetzen. Europa hat aber heute weder Technologien noch Kräfte, um ein solches Zentrum zu sein. 1991 wurde das riesengroße Land, die Sowjetunion, künstlich geteilt. Heute versuchen wir, den gemeinsamen Wirtschaftsraum wiederherzustellen.

Wir haben Glück mit den starken Präsidenten Russlands, Weißrusslands und Kasachstans. Manchmal fällt es ihnen schwer, sich zu einigen, wie es bei allen Männern von Format der Fall ist, doch liegt ein Fortschritt vor. Und da das 21. Jahrhundert eine Epoche Asiens ist, sind gerade dort das meiste Humankapital und die wichtigsten Technologien konzentriert. Die Aufgabe aller Mitgliedsstaaten der Zollunion lautet, ihre Exporte nach Asien zu lenken, da dort die Nachfrage garantiert ist und es keine Vorurteile gegen Russland gibt, im Unterschied zu dem Westen.“

Am 10. Oktober soll in Minsk das Abkommen über die Aufnahme Armeniens und Kirgisiens in die Eurasische Union unterzeichnet werden, wonach laut Experten der Aufbau des gemeinsamen Wirtschaftsraums abgeschlossen sein wird. Man wird ihn nur noch erschließen müssen. Zugunsten der Bildung eines eigenständigen Machtzentrums spricht der Umstand, dass die Menschen vorläufig noch einig sind – sie haben eine gemeinsame Sprache, die russische, und den Wunsch, zusammenzuhalten. Die Russen fühlen sich immer noch nicht in der Fremde, wenn sie sich in Weißrussland oder Kasachstan, Armenien oder Kirgisien aufhalten. Und die eurasische Idee kann zur Ideologie werden, mit der die wirtschaftliche, politische und kulturelle Einheit des Raums gewährleistet werden kann.

Quelle: http://de.sputniknews.com/

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