Goldgrund Eurasien. Eine Rezension.

_ Eine Rezension von Jurij Kofner, Direktor des Zentrums für Kontinentale Zusammenarbeit (think-tank) über das Buch von Dmitrios Kisoudis “Goldgrund Eurasien. Der neue Kalte Krieg und das Dritte Rom” (Leipzig, 2015). Übersetzt von Michael Pflugfelder in München, 11 Juni 2016. 

Einführung

Eine Diskussion über das politische Essay „Goldgrund Eurasien. Der neue Kalte Krieg und das Dritte Rom“ des deutschen Politikwissenschaftlers und Publizisten griechischer Herkunft Dmitrios Kisoudis, das Anfang 2015 in Leipzig veröffentlicht wurde, kann zu einer neuen Etappe in der Entwicklung der Vierten Politischen Theorie führen [1].

Auf 114 Seiten trennt der Absolvent der Freiburger und Sevillaer Universitäten die Mythen von der Realität im alten-neuen Konflikt zwischen Westen und Russland ab, macht den deutschen Leser mit der eurasischen Ideologie bekannt und erörtert seine eigene, einzigartige Deutung der Evolution der politischen Theorien, wie im Westen, so auch in Russland. Ein besonderes Interesse (und meine Sympathien) ruft seine Meinung über die Theorie des Liberalismus sowie über solche Begriffe wie die Postmoderne, der Poststrukturalismus und der Eurasismus hervor.

Der neue Kalte Krieg

Im ersten Kapitel stellt Kisoudis die These über den Anfang eines neuen, d.h. “zweiten”, Kalten Krieges zwischen Russland und dem Westen auf. Als Bezugspunkt dieses neuen Krieges kann der im Jahr 2014 begonnene Konflikt in der Ukraine gezählt werden. Eine derartige Definition der modernen Beziehung zwischen Russland und dem Westen festlegend, versucht der Autor Ähnlichkeiten und Unterschiede zum “ersten” Kalten Krieg, der zwischen der UdSSR und den USA in den Jahren von 1945 bis 1991 ablief, zu nennen. In diesem Vergleich unterscheidet der Soziologe zwei Aspekte des West-Ost Konflikts: den geopolitischen (einschließlich der Ressourcen wegen) und den ideologischen.

Die geopolitische Komponente der beiden Kalten Kriege ist identisch, es ist die Rivalität zwischen dem eurasischen Staat des Festlands (dem sogenannten Heartland nach Mackinder) und den Staaten des Meeres. Kisoudis bemerkt, dass Russland diesem Mal, also zum Anfang des zweiten Kalten Kreiges., auf einer weniger günstigen Position beginnt, da Moskau den ersten Kalten Krieg im Jahr 1991 verloren hat, und seine Fähigkeit, seinen Einfluss auf dem Kontinent zu projizieren, sowie sein eigenes Staatsterritorium, stark verringert wurden.

Als nächsten Punkt vergleicht der Autor die Widersprüche in der Ideologie. Er sagt, dass der erste Kalte Krieg einen klaren Kampf zwischen zwei Ideologien darstellte: dem freien kapitalistischen Westen und dem autoritären sozialistischen Osten. Heute fehlt seinen Worten nach eine solche offensichtliche ideologische Trennung. Unterschiede in den Weltanschauungen existieren, jedoch verläuft die Grenze nicht mehr auf der deutlichen “Kapitalismus vs. Kommunismus” – Linie.

Die Anhänger Washingtons und Moskaus sind in allen drei politischen Lagern vertreten: dem Liberalismus, dem Sozialismus und dem Nationalismus. Besonders sichtbar wurde dieser Sachverhalt im Verlauf der ukrainischen Krise. So unterstützen die alten Nationalisten Polens, der Länder des Baltikums und der angelsächsischen Welt den Westen, wobei die italienischen, französischen, deutschen und griechischen Neurechten die Seite Russlands einnehmen. Die linken Antiimperialisten stellen sich auch auf die Seite Russlands (z.B. die Linkspartei Deutschlands und die Freiwilligen-Internationalisten, die im Donbass kämpfen), und die Neulinken (z.B. die deutschen Antifaschisten, die grünen Parteien, die Aktivistinnen von Femen) treten gegen Russland auf, da sie Moskau als das neues Bollwerk des Traditionalismus sehen.

Vor allem ist die Tatsache interessant, dass die Liberalen sich auch in Anhänger und Gegner des modernen Westens aufgeteilt haben. Dabei ist zu bemerken, dass Kisoudis, der in seinem Essay die Politik Vladimir Putins unterstützt, sich selbst zu den Liberalen zählt. Seinen Worten nach herrscht im Westen jedoch schon seit Langem kein Liberalismus mehr, sondern seine entartete Form: der Postliberalismus (obwohl der Autor selbst diesen Terminus leider nicht verwendet). Er bezeichnet die modernen amerikanischen “Liberalen” nicht als echte Liberale sondern als Imperialisten und Neokonservative, die wie die Bolschewiken ihr eigenes System gewaltsam in der ganzen Welt verbreiten wollen, mit dem Unterschied, dass die einen an eine weltweite Revolution glaubten und die anderen an einer Weltregierung und den Sieg des globalen Marktes festhalten. Ein wahrer Liberaler bevorzuge jedoch die Kraft der Überzeugung und sei nicht geneigt, seine Werte sowie sein Gesellschaftsmodell anderen Ländern aufzuzwingen.

Die modernen Liberalen werden von Kisoudis in „dicke“ und „dünne“ aufgeteilt. Die ersten, die er auch als Neokonservative bezeichnet, treten entschieden gegen Russland auf und unterstützen die Erhöhung der Militärausgaben, sowie die Einmischung in die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten (z.B. das Ehepaar Victoria Nuland und Robert Kagan, Senator John McCain). Die zweiten (z.B. Murray Rothbard, Noam Chomsky und Ron Paul) abstrahieren sich von den Problemen anderer Länder und treten für den Aufbau einer wahren liberalen Gesellschaft zu Hause in den USA auf.

Kisoudis bringt wie auch einige andere Soziologen die These über die Ähnlichkeit der radikalen Linken mit den Neokonservativen vor. Die amerikanischen Liberalen seien eigentlich die neuen Trotzkisten, die ein globale Herrschaft ihrer eigenen Ideologie und Staatsordnung gewaltsam anstreben, genau so. wie einst die Bolschewiken von der weltweiten Revolution träumten. Neokonservative treten ebenso für den verstärkten Einfluss des Staates auf, wie auch die Linken, aber im Unterschied zu den Linken verbergen sie es.

Traditionalismus und Postmoderne

Weiter versucht der Autor zu verstehen, welches Kriterium die neue ideologische Rivalität zwischen Eurasien und der transatlantischen Gemeinschaft bestimmt. Dazu wendet er sich an Alexander Dugin, der im Liberalismus den Grund für die Degradation des Westens und der gesamten Not in der Welt sieht. Kisoudis widerspricht dem russischen Philosophen jedoch in den Punkten, dass eine Entgegensetzung zwischen dem Liberalismus und der Tradition obligatorisch sei und außerdem den Thesen, denen nach die moralische Degradation, der Imperialismus und die Westernisierung als unabdingbare Folgen der liberalen Theorie gelten.

Als Beispiel bringt der Autor Friedrich von Hayek, den Vater der österreichischen Wirtschaftsschule. Als einer der eifrigen Gegner des Keynesianismus und Anhänger des “privaten Geldes” unterstrich von Hayek die Wichtigkeit der Tradition, weil er der Meinung war, dass der Mensch nur adäquate Entscheidungen treffen kann, wenn er die gesammelten Erfahrungen der vorhergehenden Generationen anwendet. Kisoudis nach liegt der gegenwärtige Grund der Degradation des Westens in der dort gesiegten Postmoderne. Ihm nach geht es im 21. Jahrhundert um den grossen Kampf zwischen den Verteidigern der traditionellen Werte und den Anhängern der Postmoderne.

Worin unterscheidet sich die Postmoderne vom Liberalismus? Der Liberalismus war zu seiner Zeit eine adäquatу Antwort auf das harte und ungerechte hierarchische Sozialsystem des Mittelalters. Deshalb brachte diese Theorie einige positive Früchte hervor: die Achtung der Würde der Persönlichkeit, die Gleichheit aller vor dem Gesetz, den Zugang des Volkes zur Leitung des Staates. Jedoch ist mit dem Übergang in die Ära der Postmoderne der Liberalismus im Westen entartet und geht nun in eins seiner Extreme, den Postliberalismus, über.

Für das bessere Verständnis der Postmoderne ist es notwendig seine Quelle, den Poststrukturalismus, zu betrachten, dessen Hauptdenker der französische Philosoph Michel Foucault gewesen ist. Alle drei politischen Theorien (der Liberalismus, der Kommunismus, der Nationalismus) sind in der Epoche der Moderne, d.h. der Epoche des Strukturalismus, entstanden. Das bedeutet, dass jede dieser Ideologien eine mehr oder weniger deutliche Struktur (die Verhältnisse zwischen Subjekt und Objekt, Freund und Feind, sowie den sie bildenden Elementen usw.) besitzt. Mit dem Kommen der Postmoderne wird der Diskurs, oder noch genauer gesagt, die Beherrschung dessen, zur Hauptsache.

Durch den Besitz von allen führenden Massenmedien in den Nationalstaaten des Westens wurden die internationale Finanzelite und der weltweite Backstage (der sogenannte “Staat hinter dem Staat”, engl. deep state) zu den vorherrschenden und bestimmenden Kräften des Diskurses. Die Eliten der Postmoderne bestimmen den Inhalt des öffentlichen Diskurses, entscheiden, worüber nicht gesprochen werden darf, und die damit nicht einverstandenen werden daraufhin dem „Scherbengericht“ unterworfen. Im Poststrukturalismus und der Postmoderne gewinnt der Diskurs eine erstrangige Bedeutung und der Kontext der Erscheinung gerät auf den zweiten Plan.

In der Postmoderne zerbrechen die Strukturen der drei politischen Theorien, ihre bildenden Elemente ändern beliebig ihre Positionen und die Akzente werden auf eine neue Weise verteilt. Zum Beispiel stützten sich die alten Linken auf den Antiimperialismus und die soziale Gerechtigkeit, die neuen Linken jedoch, setzen ihre Akzente auf den Feminismus und die Ökologie. Im Endeffekt führt dies zur Standardisierung und Vernichtung der traditionellen Werte. Die Postmoderne sieht den Kampf mit der Tradition und das Verwischen der Grenzen zwischen den Ideologien, den Nationalstaaten, den Kulturen und sogar den menschlichen Geschlechtern vor. Kisoudis bringt hier den Terminus der „sekundären vermischenden Vereinfachung“ des russische Philosphen Konstantin Leontjew ein, die im Westen beobachtet werden kann. Dem steht das neue eurasische Russland gegenüber, das für die Erhaltung der Mannigfaltigkeit der traditionellen Religionen sowie der kulturellen Identitäten der Völker der Welt auftritt.

Die Dichotomie zwischen Traditionalismus und der Postmoderne bildet für Kisoudis die metaphysische Hauptgrundlage des Konflikts zwischen Russland und dem Westen. Er behauptet, dass ihnen auf politischem Niveau der sogenannte Geldsozialismus im Westen und der sogenannte autoritäre Liberalismus in Russland entsprechen. Als Erklärung für diese auf den ersten Blick überraschende Aussage bringt der Autor überzeugende Beweise.

Geldfaschismus und autoritärer Liberalismus

Die transatlantischen Staaten benuzten Instrumente strenger Regulierung und mischen sich in die inneren Angelegenheiten ihrer Bürger ein. Zum Beispiel stellt in den USA der Staat Quoten für den Zugang von afroamerikanischen Bürgern in amerikanische Universitäten auf. In Europa schreibt der Staat privaten Unternehmen vor, wie viel Frauen im Betriebsrat sitzen sollen. Im Westen finanziert der Staat gerade aktiv die Propaganda der „LGBT – Werte“ und bestraft gesetzlich jeden, der damit nicht einverstanden ist. Die Teilnahme des Staates an der Wirtschaft ist anderer Parameter, nach dem sich Kisoudis richtet. So ist die Lohnsteuer in einigen europäischen Ländern sehr hoch und umfasst fast die Hälfte des Gehaltes der Werktätigen (bis zu 45% in Deutschland). In der EU bildet der Anteil der Staatsausgaben bis zu 50% und 60% (in Dänemark und Griechenland) des BIP. Das entspricht nicht der liberalen Theorie, bei der die Rolle des Staates minimal sein sollte.

Es ist vollkommen rechtmäßig den “Geldsozialismus“ als einen unkorrekten Terminus zu charakterisieren. “Der Sozialismus” sagend will Kisoudis die neue führende Rolle des Staates vor der Gesellschaft (genauer, des deep state in der Gesellschaft) und den Zwangscharakter der Führungsmethoden aufzeigen. Dabei ist unter “dem Geldsozialismus” keinenfalls die Idee der sozialen Gerechtigkeit zu verstehen. Deshalb wäre es eher richtig, diese westliche Erscheinung als “Geldfaschismus” zu bezeichnen, in dem die grossen Konzerne sowie die multinationalen Unternehmen mithilfe ihrer Lobbyisten und sich mit der Konzeption des Liberalismus deckend postliberale und antidemokratische Reformen durchführen, sowie neokolonialistische Realien an der Tagesordnung sind.

Im Gegenteil dazu lässt der russische “autoritäre Liberalismus” eine Freiheit in der Wirtschaft und der Innenpolitik zu. In Russland existieren oppositionelle Massenmedien („Kommersant“, „Den’gi“, „Vlast‘“, den Fernsehsender „Dožd‘“, die Nachrichten auf „Mail.ru“), eine Lohnsteuer, die die Grenze von 13% nicht übersteigt, und der Anteil der Staatsausgaben übersteigt den Wert von 38% des BIP nicht. In Russland ist die Tatsache allgemein bekannt, dass viele russische Patrioten Putins Wirtschaftspolitik für viel zu liberal halten. Putins Autoritarismus besteht nur im strickten Widerstand des Staates gegen die Auswaschung der traditionellen Werte und jeder Bedrohungen der nationalen Souveränität von außen.

Schlussfolgerung

Aufgrund des Dargelegten können einige Schlüsse gezogen werden. Die geopolitische Komponente des ersten und zweiten Kalten Krieges hat sich nicht geändert. Bezüglich der Ideologie hat der Widerstand einen anderen Charakter angenommen: nun konkurrieren die Traditionen und der Postmodernismus. In der Politik zeichnet sich das durch den Kampf zwischen dem autoritären Liberalismus in Russland und dem westlichen Geldfaschismus aus. Kisoudis schützt die positiven Seiten des ursprünglichen Liberalismus, was für die Anhänger der Vierten Politischen Theorie als grundsätzlich wichtig erscheint, denn sie soll der Idee nach ja die positiven Elemente aller drei politischen Theorien und nicht nur des Sozialismus und des Nationalismus (Konservative Revolution) in sich vereinen.

Das Buch „Goldgrund Eurasien. Der neue Kalte Krieg und das Dritte Rom“ kann als obligatorisch für das Verständnis der Vierten Politischen Theorie und des „autoritären Liberalismus“ Putins, der als eigentümliche Verkörperung der Philosophie des Eurasismus wahrgenommen wird und den Zugang zum Verständnis der Mission des freien Russlands als das Bollwerk der traditionellen Werte und Beschützer der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Mannigfaltigkeit ermöglicht, empfohlen werden.

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